Ist Autismus oder ADHS nur eine Modeerscheinung?
"Früher gab es das doch auch nicht."
Diesen Satz höre ich in meiner Beratung immer wieder. Tatsächlich hält sich das Vorurteil hartnäckig, dass Diagnosen wie Autismus oder ADHS heute "modern" geworden seien und deshalb plötzlich jeder betroffen wäre.
Doch das entspricht nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Neurodivergenz gab es schon immer
Menschen mit einer neurodivergenten Wahrnehmung hat es vermutlich schon immer gegeben. Was sich verändert hat, ist nicht die Anzahl dieser Menschen – sondern unser Wissen über sie.
Die Medizin und die Psychologie haben in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Diagnostische Verfahren wurden weiterentwickelt, wissenschaftliche Erkenntnisse erweitert und insbesondere das Verständnis darüber, wie vielfältig sich Autismus oder ADHS äußern können, hat deutlich zugenommen.
Noch vor 20 oder 30 Jahren wurden viele Menschen gar nicht erkannt. Besonders Mädchen und Frauen sowie Menschen ohne offensichtliche Verhaltensauffälligkeiten erhielten oft nie eine Diagnose. Stattdessen galten sie als "schüchtern", "verträumt", "faul", "kompliziert" oder "schwierig".
Heute wissen wir: Viele dieser Menschen waren nie "falsch" – sie wurden lediglich mit einem ungeeigneten Maßstab beurteilt.
Die Steinzeit-These: Waren ADHS-Eigenschaften früher sogar ein Vorteil?
Eine besonders spannende Hypothese ist die sogenannte "Hunter-vs.-Farmer"-Hypothese, auch häufig als Steinzeit-These bezeichnet.
Sie geht davon aus, dass Eigenschaften, die wir heute mit ADHS verbinden, in der Zeit der Jäger und Sammler durchaus einen Überlebensvorteil dargestellt haben könnten.
So könnten beispielsweise:
- eine schnelle Reaktion auf Umweltreize,
- das ständige Scannen der Umgebung,
- hohe Impulsivität,
- Risikobereitschaft oder
- die Fähigkeit, bei interessanten Aufgaben in einen intensiven Hyperfokus zu gelangen,
beim Aufspüren von Beute oder beim frühzeitigen Erkennen von Gefahren – etwa eines Raubtiers – hilfreich gewesen sein.
Mit dem Übergang zu sesshaften Gesellschaften änderten sich jedoch die Anforderungen an den Menschen. Ruhiges Arbeiten, langfristige Planung, Ausdauer und Anpassung an feste Strukturen wurden immer wichtiger.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ADHS früher ein Vorteil und heute ein Nachteil ist. Vielmehr verdeutlicht die Hypothese, dass Eigenschaften immer auch vom jeweiligen Umfeld bewertet werden.
Wichtig ist allerdings festzuhalten: Die Steinzeit-These ist bislang nicht wissenschaftlich bewiesen. Sie ist ein interessantes evolutionspsychologisches Erklärungsmodell, das einzelne Forschungsergebnisse aufgreift, sich jedoch aufgrund der Natur der Fragestellung nicht eindeutig überprüfen lässt.
Könnte Ähnliches auch für Autismus gegolten haben?
Während sich die sogenannte Steinzeit-These überwiegend auf ADHS bezieht, frage ich mich persönlich, ob ähnliche Überlegungen nicht auch für Menschen im Autismus-Spektrum denkbar wären.
Auch hierfür gibt es derzeit keine wissenschaftlichen Belege. Dennoch erscheint der Gedanke spannend, dass bestimmte autistische Eigenschaften in einer steinzeitlichen Gemeinschaft durchaus wertvoll gewesen sein könnten.
Einige Menschen im Autismus-Spektrum entwickeln ein außergewöhnlich tiefes Wissen über ihre Spezialinteressen. War dieses Interesse beispielsweise auf Pflanzen, Heilkräuter oder Tiere gerichtet, könnten sie möglicherweise einen wichtigen Beitrag für die Gemeinschaft geleistet haben – etwa beim Sammeln essbarer Pflanzen, beim Erkennen giftiger Kräuter oder bei der genauen Bestimmung von Tierarten und deren Verhalten.
Ebenso könnte die häufig ausgeprägte Liebe zum Detail, das Erkennen von Mustern oder das präzise Beobachten der Umwelt in bestimmten Situationen von großem Nutzen gewesen sein.
Ein weiterer Gedanke betrifft die damalige Gesellschaftsstruktur. Steinzeitliche Gemeinschaften waren vermutlich deutlich stärker durch klare Aufgaben- und Rollenverteilungen geprägt als unsere heutige Gesellschaft. Nicht jeder musste alles können. Stattdessen übernahm jedes Mitglied einer Gruppe Aufgaben, die den eigenen Fähigkeiten entsprachen.
Vielleicht fielen dadurch manche Eigenschaften, die wir heute als Defizite betrachten, deutlich weniger ins Gewicht. Wer beispielsweise hervorragende Kenntnisse über Pflanzen besaß, musste möglicherweise nicht gleichzeitig besonders kommunikativ sein oder ständig flexibel zwischen unterschiedlichsten Anforderungen wechseln.
Ob diese Überlegungen tatsächlich zutreffen, werden wir vermutlich nie mit Sicherheit beantworten können. Sie zeigen jedoch, wie sehr unsere Bewertung von Fähigkeiten vom jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld abhängt. Was heute als Einschränkung wahrgenommen wird, könnte unter anderen Lebensbedingungen eine wertvolle Stärke gewesen sein.
Warum heute mehr Diagnosen gestellt werden
Die steigenden Diagnosezahlen bedeuten deshalb nicht automatisch, dass mehr Menschen neurodivergent sind.
Vielmehr erkennen wir heute Menschen, die früher übersehen wurden.
Hinzu kommt, dass das gesellschaftliche Bewusstsein gewachsen ist. Betroffene informieren sich selbst, Ärztinnen und Ärzte sowie Psychologinnen und Psychologen verfügen über bessere Diagnoseinstrumente und die Forschung entwickelt sich kontinuierlich weiter.
Dennoch stehen wir noch längst nicht am Ende unseres Wissens. Gerade im Bereich Neurodivergenz werden jedes Jahr neue Erkenntnisse gewonnen.
Früher wurde angepasst – heute lernen wir zu verstehen
Auch unsere Erziehung und unser Bildungssystem haben sich verändert.
Früher standen Anpassung, Disziplin und klar vorgegebene Rollen im Mittelpunkt. Wer nicht in das bestehende System passte, musste sich anpassen – oder wurde ausgegrenzt. Viele neurodivergente Kinder lernten früh, ihre Besonderheiten zu unterdrücken, um nicht aufzufallen. Heute spricht man häufig von Masking.
Auch heute stoßen viele neurodivergente Menschen noch auf Vorurteile oder starre Strukturen. Dennoch entwickelt sich unsere Gesellschaft langsam in eine positive Richtung.
Begriffe wie Inklusion, Diversität und Neurodiversität gewinnen zunehmend an Bedeutung. Immer mehr Menschen erkennen, dass unterschiedliche Denk- und Wahrnehmungsweisen keine Fehler sind, sondern Teil menschlicher Vielfalt.
Mein Fazit
Autismus und ADHS sind keine Modeerscheinungen.
Sie waren schon immer Teil unserer Gesellschaft. Der Unterschied ist, dass wir heute beginnen, sie besser zu erkennen und zu verstehen.
Und genau das ist ein wichtiger Schritt: Weg von der Frage "Was stimmt mit dir nicht?" – hin zu "Wie nimmst du die Welt wahr und was brauchst du, um dein Potenzial entfalten zu können?"
Hunter-vs.-Farmer-Hypothese:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7248073/?utm_source=chatgpt.com
https://en.wikipedia.org/wiki/Hunter_versus_farmer_hypothesis?utm_source=chatgpt.com
King & Bearman (2009): "Diagnostic change and the increased prevalence of autism":
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2800781/
"ADHD Diagnostic Trends: Increased Recognition or Overdiagnosis?" (2022):
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9616454/
"Three Reasons Not to Believe in an Autism Epidemic":
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4232964/
